Im Alter von 20 Jahren, als sich Goethe von
seiner Krankheit erholt hatte, zog er nach Straßburg, um dort sein Jura Studium
zu beenden. Für ihn begann ein neuer Lebensabschnitt, der seine dichterische
Entwicklung entscheidend beeinflusste. Als er in Straßburg ankam, faszinierte
ihn die damals noch verachtete gotische Baukunst. Auch dort fand er bald nahe
Freunde. Wichtig war für ihn die Begegnung mit dem bekannten Dichter Gottfried
Herder. In Sesenheim, einem wenige Stunden von Straßburg entfernten Ort, lernte
Goethe die Pastorstochter Friederike Brion kennen und lieben.
Willkommen und Abschied
1771 verfasste er sein Liebeserlebnis mit
Friederike Brion. Es ist ein Beispiel
für Erlebnislyrik (d.h. der persönlichen Stimmung und dem Erlebten stimmungs-
und gefühlsvollen Ausdruck gebend). Nach seinem Abschlussexamen 1771 ließ er
sich als Rechtsanwalt nieder. Nach seiner Prüfung besuchte Goethe Friederike
zum letzten Mal und trennte sich von ihr in Frankfurt. Weil er sie verließ,
hatte er große Schuldgefühle und schrieb sich diese in dem Gedicht „Willkommen
und Abschied“ von der Seele. Der Rhythmus vom Gedicht ist lebhaft und drängend.
Dieses Gedicht ist beispielhaft für ein neues
Dichtungs-Konzept. Es geht um die unmittelbare Darstellung, nicht um die
rhetorische Beschreibung von Emotionen, die nicht nur den Inhalt bestimmen,
sondern auch in der syntaktischen (d.h. fehlerhaften) und metrischen Struktur
ihren Niederschlag finden. Die bedrohliche Atmosphäre der ersten beiden
Strophen steht in einem Spannungsverhältnis zum Thema des Gedichts, das eine
Liebesbegegnung schildert, und weist auf den immanenten
(d.h. in etwas enthaltenen oder innewohnenden) Kontrast von >> Wonne<<
und >>Schmerz<<. Goethe macht die Vergänglichkeit zum Gegenstand:
Der Abschied (und damit ist auch die Vorahnung eines definitiven Abschieds
gemeint) überschattet bereits das Geschehen, wahres Glück ist nur in der
bedingungslosen Hingabe an den Augenblick erlebbar.
Friederike Brion

Friederike Brion wurde am 19.04.1752 in
Niederrödern (Elsaß) geboren und starb am 13.04.1813 in Meißenheim bei Lahr.
Goethe widmete ihr die Sesenheimer Lieder. Im Pfarrhaus von Sesenheim, worin
die Pfarrfamilie Brion wohnte, begann die eineinhalb Jahre andauernde Liebe
zwischen dem 21jährigen Goethe und der 19jährigen Pfarrerstochter Friederike
Brion. Goethe schrieb später von der ersten Begegnung mit ihr: "In diesem
Augeblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging für wahr an diesem
ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf." Ihr Aussehen schilderte er
wie folgt: "Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hötte,
schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen
Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich
umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es
in der Welt keine Sorgen geben könnte."
Es
schlug mein Herz geschwind zu Pferde!
Es
war getan fast eh gedacht;
Der
Abend wiegte schon die Erde,
Und
an den Bergen hing die Nacht;
Schon
stand im Nebelkleid die Eiche;
Ein
aufgetürmter Riese, da,
Wo
Finsternis aus dem Gesträuche
Mit
hundert schwarzen Augen sah.
Sah
kläglich aus dem Duft hervor,
Die
Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten
schauerlich mein Ohr;
Die
Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch
frisch und fröhlich war mein Mut:
In
meinen Adern welches Feuer!
In
meinem Herzen welche Glut!
Dich
sah ich, und die milde Freude
Floss
von dem süßen Blick auf mich;
Ganz
war mein Herz an deiner Seite
Und
jeder Atemzug für dich.
Ein
rosafarbenes Frühlingswetter
Umgab
das liebliche Gesicht,
Und
Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich
hofft es, ich verdient es nicht!
Doch
ach, schon mit der Morgensonne
Verengt
der Abschied mir das Herz
In
deinen Küssen welche Wonne!
In
deinem Auge welcher Schmerz!
Ich
ging, du standst und sahst zur Erden
Und
sahst mir nach mit nassem Blick:
Und
doch, welch Glück geliebt zu werden!
Und
lieben, Götter welch ein Glück!
Die Hymne Prometheus von 1774 ist eine völlig
andere Art der Grenzüberschreitung. Sie darf als ein programmatisches (d.h. dem
Programm gemäß) Gedicht der Sturm-und-Drang-Bewegung gelten. Goethe artikuliert
(d.h. deutlich aussprechen; zum Ausdruck bringen) hier die Auflehnungshaltung
einer Intellektuellen-Generation gegen bestehende Regeln und Werte. Die Götter
stehen für Autoritäten einer feudalabsolutistisch (feudal = vornehm; großartig)
und klerikal (d.h. kirchlich) geprägten Gesellschaft, die sich der freien
Entfaltung des Einzelnen repressiv entgegensetzen, ohne ihre Machtstellung
rechtfertigen zu können.